Jun 22

„Eine Stadt lebt durch Veränderung”


Mehr als nur Zeitzeuge – zum Tod von Gerd Cyske

Am 7. Juni 2020 starb Marzahns erster Bürgermeister im Alter von 91 Jahren, exakt 41 Jahre nachdem ihn die erste Stadtbezirksversammlung des neuen Bezirks gewählt hatte. Gerd Cyske war mehr als nur einer der wichtigsten Zeitzeugen des Bezirks. Zur Bilanz seines Wirkens gehören eingelöste und gescheiterte Träume und Visionen, aber auch die Absetzung als Bürgermeister wegen der im Auftrag der SED-Führung durchgeführten Wahlfälschung der Ergebnisse der Kommunalwahl vom Frühjahr 1989. Er wurde dafür 1993 verurteilt, schämte und entschuldigte sich dafür im Bemühen, ein aufrechtes Leben zu führen. Ein Leben, dass nun zu Ende ging und das in Marzahn tiefe Spuren hinterlassen hat. Gerd Cyske war von Anfang an an führender Stelle mit dabei. In seiner elfjährigen Amtszeit erhielt der Bezirk seine ihn bis heute prägenden Strukturen.

Von Lichtenberg nach Marzahn
Der einstmals jüngste Stadtbezirk der DDR-Hauptstadt war mit großen Hoffnungen seiner Erstbewohner verbunden. Am 5. Januar 1979, einem Freitag, beschloss die Stadtverordnetenversammlung im Roten Rathaus, mit Marzahn den neunten Bezirk der DDR-Hauptstadt zu bilden. Viereinhalb Monate später wurde Gerd Cyske (SED) auf der ersten konstituierenden Sitzung der Stadtbezirksversammlung zum ersten Bezirksbürgermeister gewählt. Da war der gelernte Möbeltischler 50 Jahre alt und wohnte noch mit seiner Frau Inge in Lichtenberg, wo er als Vorsitzender der Kreisplankommission arbeitete. Den Bezug zu Marzahn hatte der Diplomvolkswirt schon seit Mitte der 1960-er Jahre, als er in seiner Diplomarbeit am Beispiel der Berliner Werkzeugmaschinenfabrik Marzahn die Auswirkungen der technischen Entwicklung der Qualifikationsstruktur und die sich daraus ergebenden Fragen für die Perspektivplanung der Arbeitskräfte sowie für die Berufsbildung untersuchte. Natürlich zog Gerd Cyske mit seiner Familie rasch in „seinen“ Bezirk, obwohl „eine Neubauwohnung in Marzahn wie ein Fünfer im Lotto war“ und lebte mit ihr viele Jahre in einer Vier-Zimmer-Wohnung in der 25. Etage am Helene-Weigel-Platz. Danach verschlug es ihn in den 9. Stock eines WBS 70 in der Poelchaustraße mit Blick auf den Helene-Weigel-Platz, dessen Entwicklung eng auch mit seinem Namen verbunden ist.

Am Helene-Weigel-Platz ein Rathaus für Marzahn
Zum Zeitpunkt der Bezirksgründung war der Rat des Stadtbezirks in der Maratstraße 182 untergebracht, dort wo heute die Musikschule des Bezirks ist. In Kitas, Feierabendheimen und in Erdgeschossen von Wohnhäusern wurden Außenstellen eingerichtet. Weil die Verwaltung so viele Räume „zweckentfremdet“ blockierte, zahlreiche Eingaben von Bürgern diesen Zustand kritisierten, wurde entschieden: Marzahn braucht ein Rathaus. Zunächst war geplant, ein  für damalige Verhältnisse übliches Verwaltungsgebäude vom Typ Cottbusser Scheibe mit sieben Etagen und von einem Mittelgang abgehenden Büros direkt an der Heinrich-Rau-Straße, der heutigen Märkischen Allee zu errichten. Dann wurde an dieser Stelle doch ein Wohnhaus errichtet – der Bau von Wohnungen war wichtiger – und es vergingen fast zehn Jahr bis Marzahn sein eigenes Rathaus bekam. Gerd Cyskes Beharrungsvermögen und seiner Unterstützung ist es zu verdanken, dass der Bezirk ein „richtiges“ Rathaus bekam. Die Entwürfe für ein fünfgeschossiges Gebäude aus Betonelementen mit symmetrischen Seitenflügeln, geklinkerter Fassade und einem großzügigen Foyer mit terrassenförmigen Treppenhaus lieferten die Architekten Wolf Rüdiger Eisentraut und Karla Bock. Nach der Erinnerung von Prof. Eisentraut wurden er und Gerd Cyske extra zum Bauminister Wolfgang Junker gerufen, um vor diesem die Pläne zu verteidigen. Als Eisentraut nach den Kosten gefragt wurde, habe er etwas zerknirscht zur Antwort ansetzen wollen. Doch Cyske übernahm und nannte ein Zehntel der wirklichen Summe. Da gab es die Erlaubnis. 1986 begannen die Bauarbeiten für das im Januar 1989 bezugsfertige Rathaus am Helene-Weigel-Platz. Seit dem Jahr 2000 steht es unter Denkmalschutz.

Die Bürgermeister von Marzahn im Foyer des alten Rathauses, Aufnahme 2013, Dagmar Pohle, Stefan Komoß, Andreas Röhl, Harald Buttler, Gerd Cyske, v.l.n.r. Uwe Klett fehlt, Foto: Oleg Peters

Erinnerungen an die Aufbruchsstimmung

Gerd Cyske erinnerte sich immer wieder gern an die Aufbruchsstimmung. Er hat seinen Job schließlich gern gemacht. Für ihn war Marzahn nie nur eine Schlafstadt mit „Arbeiterwohnsilos“, wie die Häuser spöttisch genannt wurden. „Wir haben um ein Kino gekämpft, um Gaststätten, um Sportplätze und um eine Schwimmhalle.“ Als frischgebackener Bürgermeister hatte er dafür zu sorgen, dass die Bautätigkeit einigermaßen im Einklang mit dem Bezug der Hochhäuser verlief. Es mussten für die Neu-Marzahner rechtzeitig Kaufhallen und Schulen her. Wenn es grundsätzlich klemmte, fand er im Politbüro der SED meist offene Ohren. Marzahn war ein Prestigevorhaben und so bekam Cyske beispielsweise ein Extrakontingent an Wohnungen, um Lehrer in den Neubaubezirk zu locken. Sobald Neubaublöcke frisch bezogen waren, organisierte seine Verwaltung Anwohnerversammlungen. „Da konnte auf einen Schlag alles erledigt werden, von der Schulanmeldung für die Kinder bis zur Bildung von Hausgemeinschaften”, erinnerte er sich. Den Aufrufen, an der Gestaltung von Grünanlagen an Wochenenden mitzuwirken, folgten Hunderte von Anwohnern. Das Bezirksfest Marzahner Frühling, die Beziehungen zu Städten und Gemeinden wie Bärenstein und Brodowin, nach denen Straßen benannt waren, die Bemalung von Hauseingängen durch die Bewohner – all das zählte für Cyske zu den Dingen, mit denen die Marzahner ihren neuen Kiez in Besitz nahmen. Manches davon hat sich auch nach der Wende erhalten.

„Eine Mühle muss ins Dorf”, befand Bürgermeister Gerd Cyske. Dass sich zwischen Hochhäusern heute Mühlenflügel drehen, verdankt der Bezirk auch seiner Initiative. Ehrenmüller Gerd Cyske und Oleg Peters beim Mühlenfest im Juni 2016, Foto: Klaus Tessmann

 Gerd Cyske – R.I.P.

Nun ist der erste Bürgermeister von Marzahn gestorben. Mir wird er als Gesprächspartner über die Marzahner Anfangsjahre und als aufrechter Mensch fehlen. Seiner Familie spreche ich mein herzliches Beileid aus. Wer mehr über Gerd Cyske erfahren will: Vor fünf Jahren hat Birgitt Eltzel für „LiMa+“ mit ihm gesprochen  und sie hat auch gerade einen liebevollen Nachruf auf ihn verfasst.

Dr. Oleg Peters

Jun 11

Lesergedicht zum Jubiläumsfest

Kennst Du den Helene-Weigel-Platz?
Kennst Du den Helene-Weigel-Platz?
In Marzahn, im Osten von Berlin.
Wo im Mai die Mandelbäume blüh‘n,
im Sommer Kinder im Kaskadenbrunnen planschen.
Wo um die hohen gelben Häuser
im Herbst schon mal die Winde pfeifen.
Selten, bei Schnee auf Geländern und Ästen,
zeigt der Platz sich still seinen Gästen.
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Nov 30

Der Helene-Weigel-Platz

Helene-Weigel-Platz

Helene-Weigel-Platz

Der Helene-Weigel-Platz ist ein zentraler Stadtplatz im Berliner Ortsteil Marzahn des Bezirks Marzahn-Hellersdorf. Er ist seit seiner Anlage im Jahr 1978 nach der deutschen Schauspielerin Helene Weigel (1900–1971), Ehefrau des Schriftstellers Bertolt Brecht, benannt.

Der Platz liegt an der Nordostecke der Kreuzung Allee der Kosmonauten /Märkische Allee und wurde im Zusammenhang mit der Errichtung der Wohnquartiere Marzahn I frühzeitig als städtisches Zentrum mit eigenem Rathaus (Nummer 8) geplant und angelegt. Er befindet sich im Einzugsbereich des S-Bahnhofs Springpfuhl.

In einer feierlichen Zeremonie am 1. März 1978 erhielt das damalige Bezirkszentrum den Namen der bekannten und engagierten Schauspielerin Helene Weigel.

Nach der Wende sind zahlreiche der umgebenden Bauten saniert worden, einige mussten auch abgerissen werden. Als Hauptinvestoren traten die Treuhandliegenschaftsgesellschaft (TLG) Immobilien zusammen mit dem Bezirksamt auf. Zuletzt wurden etwa 1,5 Mio. Euro aus dem Fonds Stadtumbau Ost aufgewendet. Einen symbolischen Abschluss fanden diese Arbeiten mit der Pflanzung eines Zierapfels der Sorte Eleyi.

Quelle: Wikipedia